Vorlesung HS17

Vorlesung von Karin Sander und Clemens Krümmel

Einführung in das künstlerische Denken und Arbeiten.

Zilla Leutenegger

Freies + perspektivisches Zeichnen

„it started with a kiss“ or „it ended with a Z“ 

Da kann man nichts machen: Der Buchstabe Z kommt – im Lexikon oder im Wörterbuch oder wo auch immer etwas alphabetisch geordnet wird – immer am Ende. Wir drehen die Woche also einfach um und beginnen sie mit Z wie Zeichnen.

Warum Zeichnen? Und dann noch ohne Lineal! Und das im Architekturstudium? Ich versuche es euch zu erklären.

Heute geht es darum, zu zeigen, was man kann. Wenn wir aber darüber nachdenken, was Können heisst, ist das eine sehr relative Geschichte. Ich möchte, dass wir in diesem ersten Semester einmal dieses „Können“ vergessen und einfach ausprobieren und versuchen und riskieren. Das Zeichnen hat viele Qualitäten, und die wichtigste ist, dass wir ausprobieren. 

Der Mensch hat immer schon gezeichnet, schon als wir noch in Höhlen wohnten und an Steinzeithirschkeulen nagten. Und noch immer zeichnen wir, immerzu: Wir zeichnen, wenn uns langweilig ist, während wir telefonieren, wenn wir etwas als Gedankenstütze festhalten wollen, als Teil eines Unfallprotokolls für die Versicherung, wenn wir jemandem den Weg von A nach B erklären wollen, wenn Worte nicht genügen, wir zeichnen mit dem Finger in beschlagene Fensterscheiben oder manifestieren Momente, wenn wir mit einem Messer Herzen in die Rinde der Bäume ritzen.

Am Ende des Semesters werden wir ein gemeinsames Geheimnis haben. Nämlich, was es heisst, beim Zeichnen den Geist zu entspannen. Denn: Der menschliche Geist ist ein hungriges Tier, ein gefrässiges Biest, ein ruheloses Viech. Er will gefüttert werden, immerzu. Alles ist uns recht, um ihn ruhig zu halten, und so blättern wir uns in Wartezimmer (Zahnarzt...) sitzend durch zerlesene Zeitschriften, wir ackern uns an Bahnhöfen auf Züge wartend stehend durch schwedische Kriminalromane und Gratiszeitungen, versinken mit gesenktem Kopf in der Strassenbahn fahrend ganz und gar in unsere Smartphones, tippen Textnachrichten, spielen Candy Crush oder checken schnell unsere Mails. Das beste aber, um den Geist zu beruhigen, ist zu zeichnen. Das geht immer und überall – man braucht bloss einen Stift, Papier, eine Hand, zwei Augen.

Ich finde, es ist eine magische Verbindung, die entsteht, wenn man zeichnet, eine magische Verbindung zwischen dem Kopf, der Hand und dem Papier, auf dem die Zeichnung entsteht.

Zilla Leutenegger